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Faszination vollkommener Liebe

Liest man den Inhalt des Hohen Liedes, welches genau in der Mitte der Heiligen Schrift seinen Platz findet, so erzählt uns der Text eine erotische Liebesgeschichte voller Leidenschaft und Emotionalität. Im Überschwang der Gefühle betören sich die augenscheinlich Verliebten mit bezaubernden, ja berauschenden Liebesbekundungen. Ihre Beziehung gleicht scheinbar einer unverblühbaren Rose, vollkommen frei von Dornen. Eine Form von Liebe, wo Kummer und Leid wie unbekannte Fremdwörter erscheinen. Werfen wir einen Blick auf verschiedene Textstellen. „Verzaubert hast du mich meine Schwester Braut; ja verzaubert mit einem Blick deiner Augen…“(Hld 4,9). „Wie schön ist deine Liebe meine Schwester Braut! …“….(Hld 4,10). Johannes Paul II. lehrt uns, dass es für den Mann eine besondere Herausforderung darstellt, seine Braut zunächst einmal als seine Schwester zu sehen. Ist es tatsächlich von Bedeutung, ob wir unseren Geliebten, unsere Geliebte als Schwester oder Bruder betrachten? Was will uns Johannes Paul II. hier mitteilen? Bringen wir unserer leiblichen Schwester nicht automatisch hohen Respekt und verantwortungsvolles Handeln entgegen? Würden wir jemals gegen ihren ausdrücklichen Willen handeln? Die Gegebenheit, dass der Bräutigam seine Geliebte als Schwester anerkennt, zeigt, welchen tiefen Respekt er ihr als Person entgegen bringt. Er anerkennt ihre personale Würde, ihm vollkommen gleichgestellt, als menschliches Subjekt. Seine inneren Motive sind von wahrhaftiger, echter Liebe, frei von jeglicher Art der Begierde bestimmt. Begierde sagt immer: ich will haben, ich will kontrollieren, ich will Macht ausüben. Zwangsläufig führen unsere Begehrlichkeiten ständig dazu, dass jemand beherrscht, mitunter sogar missbraucht wird. Wahrhafte Liebe jedoch führt immer in die Freiheit. Für diesen Bräutigam wäre es undenkbar, seine „Angebetete“ als potenzielles sexuelles Lustobjekt zu missbrauchen. Weiter lesen wir im Hohelied: „Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut, ein verschlossener Garten, ein versiegelter Quell“ (Hld 4,12). Indem der Bräutigam diese Worte gebraucht, unterstreicht er die Ernsthaftigkeit seiner Liebe. Daraus lässt sich ableiten, dass er das Geheimnis dieses Gartens anerkennt. Somit steht sein Handeln für eine Ausprägung von Liebe, die das Verschmelzen der menschlichen Liebe (Eros) und göttlichen Liebe (Agape) fördert und schlussendlich bewirkt. Somit offenbart sich sein Liebeswerben frei von jeder Begierde. Diese Art von Liebeserklärung steht im Einklang mit dem göttlichen Plan für die Liebe. Sind wir nicht aufgerufen, diesen großartigen, unübertreffbaren Plan Gottes für die Liebe, bei all unseren menschlichen Begrenztheiten, tagtäglich in unserem Leben zu verwirklichen? So frage ich Dich: Willst Du den Zauber der göttlichen Liebe entfalten, oder die Liebe des Zeitgeistes verwalten.